Verborgene Quests – StoryHub Fanfiction

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Anwu Tianri 暗无天日 Total Darkness
Huxiao 呼啸 Wind Howl
Jia Shi 嘉世 Excellent Era
Jia Wangchao 嘉王朝 Excellent Dynasty
Mu Yu Cheng Feng 沐雨橙风 Dancing Rain
Weicao 微草 Tiny Herb
Yanyu 烟雨 Misty Rain
Yanyu Lou 烟雨楼 Mysty Castle
Yi Ye Zhi Qiu 一叶之秋 One Autumn Leaf

Verbesserungsvorschläge zur Übersetzung?
– Teile sie mir bitte mit! (:
 

Verborgene Quests

Freitag, der 29.05.2020. Es war Ye Xius 23. Geburtstag. An sich war es für Xiu ein Tag wie jeder andere, doch in diesem Jahr wollte er den Tag nutzen, um für ein paar Stunden seinen festen Freund Tao Xuan ganz für sich alleine beanspruchen zu dürfen.

Sie waren seit fast zwei Jahren ein Paar, seit Xuan Xiu seine Liebe gestanden hatte. Anfangs war Xiu sich gar nicht sicher gewesen, ob er die Gefühle des Älteren tatsächlich erwiderte oder in diesem nur einen besten Freund sah. Er hatte sich dennoch auf die Beziehung eingelassen, weil ihm die guten Argumente dagegen ausgegangen waren und Xuan ihm versichert hatte, dass sich ein Liebesverhältnis nicht negativ auf ihre Freundschaft oder ihr Arbeitsverhältnis als Chef und Angestellter auswirken würde.

Inzwischen war Xiu froh, sich damals auf die Beziehung eingelassen zu haben. Er war Xuan so viel nähergekommen, hatte diesen wahrlich zu lieben gelernt und wertschätzte das Glück und die Freiheiten, die ihm diese Beziehung gab.

Jedoch ließ das Leben ihnen nicht viele Gelegenheiten, ihr gemeinsames Glück auszukosten. Obschon sie beide oft gemeinsam in Xius Apartment nächtigten und im selben Gebäude arbeiteten, war die Zeit, die sie für einander hatten, rar. Seit fast einem Jahr schon hatten sie beide nicht einmal mehr mit einander Glory gezockt, dabei war ihre gemeinsame Leidenschaft für dieses MMORPG der Grundstein ihrer Beziehung. Sogar auch der ihrer Arbeit als professioneller E-Sportler und Eigentümer eines E-Sport-Unternehmens.

Viel wichtiger als seinen Geburtstag zu feiern, war es Xiu demnach, den heutigen Tag zu nutzen, um zwischen dem Stress des Alltags zu dem, worauf ihre Freundschaft sowie ihre Beziehung aufbauten, zurückzukehren.

Doch obwohl Xiu alles für einen gemeinsamen Zockerabend vorbereitet hatte, ließ sein Freund ihn warten. Eine Dreiviertelstunde nachdem sie sich verabredet hatten, beschloss Xiu schließlich, im Büro nach Xuan zu sehen.

Um 17:52 Uhr stand er vor dem Büro des Eigentümers des E-Sport-Unternehmens Jia Shi und klopfte.

„Herein“, ertönte Xuans Stimme sogleich von innen und Xiu öffnete die Tür.

Im Inneren des Büros saß Eigentümer Tao Xuan an seinem Schreibtisch, hob den Blick von dem Bildschirm seines PCs zu seinem Gast. Seine Augen weiteten sich erschrocken, wanderten schnell wieder auf den Bildschirm, konkreter: Auf die Zeitangabe am unteren Bildschirmrand.

„Verdammt! Ye Qiu, es tut mir so leid. Ich vergaß die Zeit vollkommen“, entschuldigte sich Xuan und schenkte dem Jüngeren einen schuldvollen Blick.

Dabei wusste er nicht, dass er seinen Freund mit dem Namen dessen Zwillingsbruders ansprach, für den sich Xiu gewissermaßen ausgab. Xuan wusste nicht einmal, dass Xiu einen Bruder hatte, nur, dass Xiu sich von seiner eigenen Familie abgewendet hatte und nicht über diese sprechen wollte. Folglich hatte Xiu dem Älteren nie die Wahrheit erzählen müssen. Er hatte es gelegentlich vorgehabt, doch ihm schien, es hatte nie einen guten Moment dafür gegeben. Was hätte es auch gebracht, außer das Vertrauen zwischen ihnen zu gefährden oder Xuan als Xius Arbeitsgeber in eine missliche Lage zu bringen? Immerhin durfte Xuan niemanden unter falscher Identitätsangabe beschäftigten. Würde Xuan die Wahrheit also kennen, er müsse Xiu feuern, wahrscheinlich sogar den Behörden melden oder Xius Komplize werden, der damit ebenso seinen Job auf’s Spiel setzte. Vor diese Wahl wollte Xiu den Älteren gar nicht stellen.

Inzwischen machte Xiu sich darüber ohnehin keine Gedanken mehr. Er hatte sich daran gewöhnt, mit dem Namen seines Bruders angesprochen zu werden, und störte sich nicht länger daran. Nach allem waren Namen bloß Schall und Rauch.

Er schloss die Tür hinter sich und winkte auf Xuans Entschuldigung hin ab, während er zu dem Schreibtisch ging.

„Schon gut. Der Tag ist noch lang genug, was macht da eine Stunde aus?“, sprach Xiu.

Dann trat er hinter den Schreibtisch, stützte seine Ellbogen auf Xuans Drehstuhl und beugte seinen Kopf über dessen Schulter vor, um zu sehen, was der Bildschirm anzeigte und woran der Ältere noch arbeitete.

Es war eine Seite aus einem Dokument im Bereich der Betriebswirtschaftslehre. Es mussten Studiumsunterlagen sein. Im letzten Herbst hatte Xuan sich an einer teuren, hoch angesehenen Universität für ein Masterstudium in BWL eingeschrieben, um Jia Shi ein besserer Geschäftsführer zu werden.

In Xius Augen war das alles nicht notwendig. Es mangelte Jia Shi weder an genügend Ressourcen, noch an Erfolgen. Allein die finanziellen Profite und der Bekanntheitsgrad stiegen nicht so stark an wie bei den anderen E-Sport-Unternehmen innerhalb der professionellen Glory-Szene, dennoch hatte Jia Shi keine Finanzierungsschwierigkeiten und den Angestellten ging es gut. Im Schnitt war das Einkommen der Mitarbeiter bei Jia Shi sogar höher als bei den anderen Glory-Unternehmen. 

„Deine Strebsamkeit grenzt an Selbstmord“, kommentierte Xiu.

Dabei kreuzte er seine Arme vor Xuans Brust, drückte diesen zurück an die Stuhllehne und lehnte seinen eigenen Kopf dabei gegen den des Älteren. Er machte sich Sorgen um die Gesundheit seines Freundes. Xuan machte kaum Pausen und schlief viel weniger als noch vor einem Jahr.

„Wenn ich meinen Master so schnell wie möglich machen möchte, darf ich es nicht ruhig angehen lassen, aber damit komme ich klar. Mach dir keine Sorgen“, erwiderte Xuan.

 „Ich verstehe immer noch nicht, wieso du das brauchst. Bloß weil diese Idioten von anderen Unternehmensbossen auf dich herabsehen?“

Nachdem Jia Shi aus seiner Sicht keine Verbesserungen brauchte, hielt Xiu das für den wahren Grund.

In den letzten beiden Jahren hatten die anderen Glory-Unternehmen angefangen, ihre Mannschaften wie wirtschaftliche Konzerne zu führen.  Sie strebten nach der Größe anderer Unternehmen aus besser angesehenen Sportarten sowie die Glory Professional Alliance nach einer ähnlichen Verwurzelung der Glory-Liga in der Gesellschaft strebte, wie es für andere Ligen galt. Zu diesem Zwecke hatten manche die Leitung ihres Glory-Unternehmens an promovierte Geschäftsmänner abgetreten, andere bloß teure Wirtschaftsberater eingestellt. Man setzte auf Leute mit einer vorzeigbaren, erfolgreichen Vergangenheit in ähnlichen Wirtschaftsbereichen. Leute wie Absolventen einer Elite-Universität, mit Master, wenn nicht gar Doktortitel, die bereits für bekannte Großunternehmen oder unter bekannten Wirtschaftsgrößen gearbeitet hatten.

Jia Shi hatte auf solche Umstrukturierungen verzichtet und die anderen Unternehmen hatten schnell zu Jia Shi aufgeholt. Es war öffentlich ersichtlich, dass es die anderen Unternehmen, die ihre Führung angepasst hatten, waren, durch die sich die Liga in der Gesellschaft etablierte, bekannter und beliebter wurde, so dass sie auch mehr Unterstützer anlockte. Es war allein Jia Shis Siegen in den ersten drei Liga-Saisonen zu verdanken, dass auch diese Mannschaft profitierte ohne selbst viel beizusteuern. Doch dies war ein vergänglicher Vorteil.

Als Jia Shi den Meisterschaftstitel in der letzten Ligasaison verloren hatte, begründeten viele dieses Ergebnis als Folge dieser Umstrukturierungen, auf die Jia Shi verzichtet hatte. Dass war der erste, kleine Beweis, dass sich Investitionen dieser Art lohnen und dass es ein einfacher Internetcafébesitzer, der bloß ein Grundstudium an einer drittklassigen Universität abgeschlossen hatte, eben nicht mit besser ausgebildeten, echten Geschäftsmännern aufnehmen kann. Es durfte gar nicht anders sein, denn es wäre ein Widerspruch zu den gesellschaftlichen Prinzipien.

Xiu wusste nicht, was diese eingebildeten Geschäftsmänner auf einem Treffen mit anderen Glory-Unternehmensleitern und Sponsorenvertretern nach dem Finale der vierten Saison zu Xuan gesagt hatten, doch er erinnerte sich daran, wie fertig Xuan danach gewesen war.  Der Ältere hatte sich die Schuld für Jia Shis Abstieg auf den zweiten Platz gegeben und im Verlauf des Sommers beschlossen, ein Masterstudium an einer hoch angesehenen Universität nachzuholen.

„Nein. Weil all diese Unternehmen an Jia Shi nach und nach vorbeiziehen. Und in diesem guten halben Jahr Studium merkte ich bereits deutlich, dass sie durch ihre bessere Bildung zahlreiche gute Strategien erlernt hatten, die Jia Shi noch fehlen“, erklärte Xuan.

Innerlich verkrampfte Xiu. Er wusste, was die Quintessenz dieser Strategien war. Sie bemaßen den Wert eines Mitarbeiters lediglich an seinem Mitwirken zur Gewinnoptimierung des Unternehmens. In diesen guten Strategien war kein Platz für Menschlichkeit. Das passte weder zu Jia Shi, noch zu Xuan und insbesondere war in diesen Lehren ein Mitarbeiter mit einer Arbeitseinstellung wie die Xius ein problematisches Hindernis. Wie könne Jia Shi diese Strategien also brauchen? Lag darin nicht eher bloß eine Gefahr, Jia Shi zu spalten?

„Und wozu hast du dann einen Unternehmensberater eingestellt? Den hättest du dir dann sparen können …“, sprach Xiu.

Über dessen Anstellung war Xiu auch nicht glücklich, doch seine Befürchtung, dass Xuan durch diesen wieder anfangen würde, ihn zu Sponsorenverträgen und Interviews zu überreden, hatte sich bisher nicht bewahrheitet. Der Berater allein schien Jia Shi in kein rein nach Gewinn strebendes Unternehmen verwandeln zu können.

Xuan lächelte.

„Du weißt, warum, weil ich eben jetzt noch nicht soweit bin und nicht noch all die anderen Unternehmen in der Glory-Liga an uns vorbeiziehen dürfen. Außerdem ist eine Zweitmeinung nützlich.“

Während er sprach, schloss Xuan das Anzeigefenster, dann blickte er aus den Augenwinkeln zu Xiu.

„Es tut mir leid, es wird noch dauern, bis ich wieder regelmäßig mehr Zeit für dich habe, aber ich versuche, mich zu beeilen. Und wenn es einmal soweit ist, dann, so verspreche ich dir, wirst du sehen, dass es die Mühe wert war.“

Xuan lächelte, doch der Jüngere blickte immer noch nicht überzeugt.

Schließlich lachte Xuan sogar auf.

„Es ist für Jia Shi. Du solltest doch am besten wissen, dass man erst dann genug getan hat, wenn man unangefochten all seinen Konkurrenten weit überlegen ist. Aber für heute soll es reichen. Wir wollen schließlich noch deinen Geburtstag feiern.“

Xiu grinste schwach. Tatsächlich verstand er diesen Ehrgeiz. Auch er tat alles in seiner Macht Stehende für den Sieg ihrer Mannschaft. Trotzdem war der Einfluss der Spieler auf den Sieg in seinen Augen weit aus größer als der der Geschäftsmänner und das durfte Xuan nicht vergessen. Seine BWL-Lehren mochten Jia Shi mehr Geld bringen können, doch noch lange nicht mehr Siege.

„Gut. Dann lass uns …“, begann er, als das Klingeln des Telefons ihn direkt wieder verstummen ließ.

Xuan seufzte.

„Ich gehe da kurz noch ran, okay?“, äußerte der Ältere.

„Tu das“, entgegnete Xiu.

Xuan hob den Hörer an sein freies Ohr.

„Tao Xuan, Geschäftsführer Jia Shis am Apparat. Guten Tag“, grüßte er.

Xiu hörte, dass der Gesprächspartner antwortete, verstand aber nicht, was gesagt wurde.

„Für das Spiel morgen? Ihre Anfrage kommt ziemlich spät, meinen Sie nicht auch? Ihnen jetzt noch entgegen zu kommen bedeutet Überstunden für meine Mitarbeiter und mich“, seufzte Xuan.

Xiu war durch die Worte hellhörig geworden. Er hob seinen Kopf und legte ihn auf Xuans andere Schulter, so dass der Telefonhörer sich zwischen den beiden Köpfen befand. Jetzt konnte er besser verstehen, was der Anrufer von sich gab.

„Es geht um drei Punkte. Erzählen Sie mir nicht, es sei für Jia Shi schwer, drei Punkte im Kampf gegen Huxiao zu gewinnen“, sprach der Anrufer.

„Nein, es geht um den letzten Platz in den Playoffs. Huxiao oder Yanyu. Gewinnt Jia Shi morgen mindestens drei Punkte, dann geht dieser Platz an Ihr Yanyu. Ist dem nicht so?“, entgegnete Xuan.

„Ich biete Ihnen 200 seltene Materialien Ihrer Wahl für die Zusicherung, dass Jia Shi morgen mindestens drei Punkte erzielen wird.“

Xuan schwieg.

„300. 100 Materialien für jeden nötigen Punkt“, erhöhte der Anrufer sein Gebot.

Xuan lachte auf. „300? Halten Sie mich nicht zum Narren, Zhu Bing. Ich bin nicht mehr der ahnungslose Unternehmer wie noch vor einem Jahr.“

„Gewiss, das sind Sie nicht mehr. Vor einem Jahr widersprachen solche Abmachungen noch Ihren Moralvorstellungen. Wenn ich daran denke, frage ich mich, wie Sie es geschafft haben, Ye Qiu unter Ihre Kontrolle zu bringen, so dass er mitspielt.“

Xuan und Xiu tauschten Blicke aus. Diese sagten, dass sie beide nicht viel von Yanyus Geschäftsführer Zhu Bing und seinen Worten hielten.

„Sie missverstehen das. Auch ein Kampf, der zu einer Niederlage führt, kann einem Spieler wichtige Erfahrungen bringen. Kapitän Ye Qiu kann hierbei die Spieler noch immer so aufstellen, dass sie diese Erfahrungen sammeln. Soll ein Spieler allerdings gegen einen bestimmten Gegner antreten und verlieren, bloß weil es den Fans eine gute Show liefert, ohne …“

„Ja, ja, wie auch immer Sie meinen“, schnitt Bing Xuan das Wort ab. „Lassen Sie uns lieber verhandeln.“

Xuan schwieg kurz.

In Xiu stieg ein Gefühl der Abscheu auf. Leute wie Zhu Bing waren das Letzte. Für sie zählte nur die Verbesserung ihrer Zahlen. Wie es den Spielern ging, die für diese Verbesserungen sorgten, war zweitrangig. Es war selbst egal, wenn es ihr Potential behinderte, denn davon hatten diese Geschäftsmänner keine Ahnung. Für dieses Problem hatten sie ohnehin eine sehr simple Lösung parat: Wer sein Potential nicht entfalten konnte, der wurde eben ausgetauscht.

Unglücklicherweise hatten immer mehr Leute mit solch einer Einstellung mit der Glory Professional Alliance zu tun. Was Jia Shi betraf, so konnte Xiu seinen Einfluss gelten lassen, um solche Leute fern zu halten. Betraf es andere Mannschaften, so blieb ihm nur zu hoffen, die Spieler würden solche Vorgesetzten vertreiben.

Immerhin war die Abmachung, die Bing und Xuan heute noch treffen sollten, keine, die für Jia Shis Spieler einen Nachteil bedeutete. Ihr Platz in den Playoffs war gesichert. Sie brauchten morgen keinen Sieg und konnten den Wettkampf nutzen, um neue Strategien zu wagen und junge Spieler Erfahrungen sammeln zu lassen.

„Schicken Sie mir eine Liste der seltenen Materialien, die sich in Yanyu Lous Besitz befinden. Ansonsten werde ich nicht beurteilen können, ab wie vielen Materialien sich das Angebot für Jia Shi lohnt“, schlug Xuan schließlich vor.

Bing zögerte, ehe er nach einer Weile antwortete: „Na gut. Ich schicke Ihnen in Kürze eine Liste. Werden Sie mir heute noch Antwort geben?“

Xuan blickte fragend zu Xiu. Der Jüngere vermutete, dass Xuan schweigend danach fragte, ob es in Ordnung ging, wenn er heute noch mehr als geplant arbeiten würde. Mit einer Kopfbewegung gab Xiu sein Ok.

„Ja. Sobald ich die Liste habe, sollte ich mich innerhalb von drei Stunden wieder bei Ihnen melden können.“

„In Ordnung. Bis später.“

Bing legte auf.

Auch Xuan legte den Hörer zurück.

Xiu löste sich von dem Älteren und trat einen Schritt zurück.

„Dafür, dass wir Huxiao sechs Punkte lassen, bekommen wir genug Materialien, um Mu Yu Cheng Fengs und Anwu Tianris Ausrüstung zu optimieren. Und jetzt bekommen wir noch etwas von Yanyu einfach dazu. Du solltest sie überreden, uns dafür zu bezahlen, dass wir vier Punkte machen“, sprach Xiu.

Xuan drehte sich mit seinem Drehstuhl in Xius Richtung und hob eine Braue.

„Yanyu Lou ist im Kampf um die Wilden Bosse eher mittelmäßig. Ich bezweifle, dass wir bei ihnen viel holen können. Ich könnte höchstens versuchen, Zhu Bing zu überreden, uns in Materialien und Geld zu bezahlen. Wir müssen unsere PR-Abteilung finanziell besser ausbauen.“

„Noch mehr? Hast du nicht dieses Jahr schon eine halbe Million Yuan darein investiert?“, seufzte Xiu. „Besser wäre es doch, Yanyu Lou würde uns direkt über gespawnte Wilde Bosse informieren und uns helfen, dass Jia Wangchao den Boss bekommt und keine andere Gilde. Mach das mit Yanyus Boss aus.“

Xuan verneinte mit einer Kopfbewegung. „Vertrau mir einfach, es reicht noch nicht. Das ist nicht nur meine Meinung, Ye Qiu, aber es soll nicht deine Sorge sein. Viel eher solltest du dich fragen, ob ihr morgen exakt vier Punkte gewinnen könnt.“

„Sicher“, antwortete Xiu zugleich und verzichtete darauf, weiter über eine mögliche Entlohnung neben seltenen Materialien zu reden.

Xuan musterte ihn skeptisch, doch Xius Zuversicht war mehr als deutlich.

„Gut, ich werde es Zhu Bing später vorschlagen.“

„Ja. Und bis es soweit ist, komm mit“, forderte Xiu und ging zur Tür.

„Warte“, sprach Xuan.

Er fuhr den Rechner herunter, ehe er eine Schublade seines Schreibtisches öffnete. Eine flache, mit Geschenkpapier verpackte Schachtel, kam zum Vorschein. Mit dieser in den Händen schritt Xuan auf Xiu zu, dann reichte er das Geschenk dem Jüngeren.

„Alles Gute zum 23. Geburtstag, Qiu“, gratulierte Xuan lächelnd.

Xiu nahm das Geschenk entgegen, wog es kurz, um abzuwägen, was es sein könne. Er öffnete das Geschenk nicht, beugte sich stattdessen vor zu Xuan.

„Danke“, sprach er, dann küsste er den Älteren.

Xuan wirkte zwar etwas ratlos darüber, dass Xiu nicht erst das Geschenk öffnen wollte, ließ sich aber auf den Kuss ein.

Xiu legte einen Arm um Xuans Hüfte, zog ihn näher an sich, während es so schien, als würde er den Kuss gar nicht mehr lösen wollen. Und tatsächlich wollte er diesen Moment auskosten. So selten er das sonst auch tat, heute war sein Geburtstag und der Abend sollte ihnen beiden gehören.

Als er schließlich die fremden Lippen wieder freigab, sah Xuan ihn ganz überrascht an.

„Wow. So besitzergreifend kenne ich dich gar nicht“, kommentierte der Ältere erfreut.

Xiu hob nur einen Mundwinkel an, griff nach Xuans Handgelenk und zog ihn schließlich aus dem Büro.

„Das liegt nur daran, dass ich heute eine wichtige Quest zu erfüllen habe und du Inhalt dieser Quest bist“, scherzte Xiu, während er Xuan durch die Gänge in Richtung seines Apartments zog.

„Eine Quest. Ah ja. Und worum geht es in dieser Quest?“, hakte Xuan nach.

Sie erreichten den Fahrstuhl. Xiu blieb stehen, drückte auf den Knopf für eine Fahrt in ein tieferes Stockwerk, dann drehte er sich grinsend zu Xuan.

„Dich daran zu erinnern, dass du ein Gamer und nichts anderes bist.“

Xuan lachte auf. Er wirkte nicht überrascht, doch genauso wenig erfreut. Letztendlich ließ er die Erklärung unkommentiert.

Die beiden Männer erreichten schließlich Xius Apartment.

„Ich habe die Accounts schon angemeldet“, verkündete Xiu, als er hinter ihnen die Tür schloss.

„Du willst wirklich Glory zocken? Lass uns doch was anderes spielen. Ich bin in Glory ganz aus der Übung und du bist als Profi ohnehin auf einem anderen Niveau. Glory kann dir mit mir doch gar keinen Spaß machen …“, sprach Xuan zäh, während er sich an den PC, den er üblicherweise benutzte, setzte.

Xiu setzte sich an den Computer neben Xuan.

„Als dein fester Freund genieße ich es, mit dir mein Lieblingsspiel zu zocken, auch wenn du es nicht draufhast“, neckte Xiu den Anderen.

„Freundlich wie immer“, entgegnete Xuan seufzend und rieb sich dabei die Nasenwurzel.

Derweil riss Xiu das Verpackungspapier von dem Geschenk, das sich weiterhin in seinen Händen befand. Unter dem bunten Papier kam ein einfacher, einfarbiger Pappkarton zum Vorschein. Xiu öffnete diesen und zog aus dem inneren einen gläsernen Gegenstand, so groß wie eine Handfläche, hervor. Ein Aschenbecher in Form eines Ahornblattes, Jia Shis Logo.

Ein Lächeln schlich sich auf Xius Lippen, ehe er sich bei Xuan mit einem Kuss auf die Wange bedankte.

„Das ist klasse! Danke!“, sprach er daraufhin aufrichtig.

Der Aschenbecher fand zwischen ihnen beiden auf dem Tisch Platz, während das Verpackungsmaterial achtlos in ein Eck des Zimmers geworfen wurde.

„Freut mich, dass er dir gefällt“, sprach Xuan lächelnd.

Xiu zog sogleich seine Zigarettenpackung hervor. Er reichte Xuan eine Zigarette, ehe er sich selbst eine zwischen die Lippen klemmte. Der Ältere hatte mitgedacht, sein Feuerzeug gezogen und zündete erst für Xiu, dann für sich selbst die jeweilige Zigarette an. Was solche Dinge betraf waren sie ein eingespieltes Team.

Als Xuans Blick schließlich auf den Bildschirm vor sich fiel und er sich damit auseinandersetzte, was darauf zu sehen war, schnellte sein Kopf direkt wieder in Xius Richtung.

„Du überlässt mir Yi Ye Zhi Qiu?“, rief er überrascht aus.

Nachdem das Spiel in der Ersten-Person-Perspektive gespielt wurde, war es auf dem ersten Blick nicht immer klar, welchen Account man vor sich hatte. Die Namensanzeige war ziemlich unauffällig und zudem spielten Xiu und Xuan dieselbe Klasse mit denselben Fertigkeiten und denselben Einstellungen im Bezug auf die grafische Benutzeroberfläche. So wirkten die Abbildungen auf den Bildschirmen beinahe identisch, bis auf die winzige Namensanzeige und den nur grob am anderen Ende des Arenafelds auszumachenden Gegner. Nur diese beiden Kleinigkeiten ließen soweit erkennen, dass Xiu Xuans Kampfmagier steuerte und Xuan dafür die Führung über Xius Avatar Yi Ye Zhi Qiu, den berühmtesten und besten Kampfmagier der professionellen, chinesischen Glory-Szene, hatte.

„Jup. Dein Charakter ist mein Handicap zum Ausgleich unserer Fähigkeiten“, erklärte Xiu neckend.

Xuan lachte trocken auf. „Als ob das irgendetwas ändern würde …“

Obwohl Xuan dies äußerte, wirkte er tatsächlich verändert. Seine Leidenschaft war geweckt. Xiu erkannte es deutlich daran, wie Xuan seine Lippen kräuselte und mit den Händen über Maus und Tastatur fuhr.

„Der beste Weg, um sich an die Steuerung zu erinnern, ist ein Kampf“, kommentierte Xiu. „Also los, greif an. Ich werde dir auch die Chance lassen, dich an deine Kombis zu erinnern. Ich werde bloß ausweichen, da sollte dir ein erster Sieg sicher sein, oder?“

Xuan lachte. „Die Herausforderung nehme ich an!“

Im nächsten Moment stürmte Yi Ye Zhi Qiu auf den gegnerischen Kampfmagier zu.

Der Avatar bewegte sich nicht vom Fleck. Xiu wollte wirklich sehen, an welche Kombis Xuan sich noch erinnerte. Als jemand, der Glory seit der Veröffentlichung für viele Jahre beinahe täglich gespielt hatte, sollten dem Älteren diese längst in Fleisch und Blut übergegangen sein. Auch wenn Xuan eine ganze Weile lang das Spiel kaum angerührt hatte, was man einmal so verinnerlicht hatte, das konnte man doch nicht verlernen. Das war wie Fahrradfahren.

Zumindest dachte Xiu das, Xuan bewies ihm sogleich, wie falsch er mit dieser Einschätzung lag. Nach einer Kombi aus fünf Fertigkeiten war bereits Schluss. Anstelle einen Angriff folgen zu lassen, hob Yi Ye Zhi Qiu seine Lanze wie zu einem Block.

Eine Sekunde verging, dann folgte schließlich wieder ein Angriff, doch es war nicht der, den Xuan hatte ausführen wollen. Xiu kannte Xuans alte Kampfmuster und er glaubte, zu wissen, welche Kombi der Ältere eigentlich ausführen wollte. Er selbst hatte sie Xuan beigebracht. Anstelle jedoch die entsprechende Folgefertigkeit zu aktivieren tippte Xuan die Fertigkeiten ihrer Anordnung auf der Tastatur nach, bis er die entsprechende Fertigkeit fand.

Bei dem Anblick Yi Ye Zhi Qius Bewegungen dabei fühlte Xiu sich beklemmt. Dieses unelegante, unsichere Verhalten eines Anfängers passte nicht zu dem landesbesten Kampfmagier.

„Du hast echt vergessen, auf welcher Taste welcher Skill liegt?“, fragte Xiu und warf einen Blick hinüber zu seinem Freund, dessen Hand unsicher über die Tasten glitt.

Es war nicht einmal so als wäre die Tastenbelegung bei ihren beiden Accounts unterschiedlich. Yi Ye Zhi Qius Fertigkeiten besaßen lediglich höhere Level, waren stärker, besser, aber das sollte für Xuan nur ein weiterer Vorteil sein.

„Weißt du, wann ich zuletzt im Spiel war? Vor einem halben Jahr und das auch nur, um meine Rechte als Jia Wangchaos Gildenleiter abzutreten. Mit der Zeit vergisst man das, was gerade nicht von Bedeutung ist. Der Speicherplatz in einem Gehirn ist eben auch beschränkt. Was soll ich machen?“, entgegnete Xuan.

„Autsch! Du traust dich wirklich, deinen Verrat an Glory so offen auszusprechen. Schämst du dich nicht?“, kam es von Xiu mit ernstem Unterton zurück.

„Das alles wäre ganz anders, würde ich dein Können besitzen. Dann, mein Lieber, wäre ich selbst Profispieler und hätte keinen Grund, mit etwas anderem Geld verdienen zu müssen“, entgegnete Xuan.

„Ja, das wäre tatsächlich traumhaft, ist aber unmöglich. Bloß, weil du nicht so gut bist, musst du jedenfalls nicht aufhören und die Grundlagen verlernen.“

„Du weißt, dass mir die Zeit dafür fehlt und es nur vorrübergehend ist. Gerade hat Jia Shis Umstrukturierung und deswegen mein Studium Vorrang. Aber sobald ich meinen Master habe und Jia Shi auf dem richtigen Weg ist, werde ich mich wieder mehr dem widmen. Dann komme ich wieder rein“, knurrte Xuan.

„Ist gut, ist gut“, antwortete Xiu dem Älteren. „Schau einfach gut hin, ich zeig dir die Kombi noch einmal.“

Xius Zigarette landete im Aschenbecher, dann begann Yi Ye Zhi Qiu Gegner seinen ersten Gegenschlag. Zugleich nannte Xiu jede Taste, die er tippte. Als die Kombi beendet war, hatten die beiden Charaktere ähnlich viele Lebenspunkte.

Xuan versuchte die Kombi noch einmal, doch diesmal wich sein Gegner aus. Es wirkte mehr wie ein Katz-und-Maus-Spiel. Xiu hoffte, der Anblick dieses hilflosen Yi Ye Zhi Qius würde sich nicht in seine Erinnerungen brennen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit siegte schließlich Yi Ye Zhi Qiu, wenngleich keiner der Spieler diesen Ausgang als Sieg betrachtete.

Die Beiden starteten direkt eine Revanche, in der Xiu den Charakter vermehrt ausweichen ließ. Der Kampf verlief nur geringfügig dynamischer als der Vorige, als schließlich Xuans Handy, das neben dem Mousepad auf dem Tisch lag, vibrierte.

Xuans Aufmerksamkeit wanderte direkt zu seinem Mobiltelefon. Das Display zeigte an, dass er eine Mail von Zhu Bing bekommen hatte.

„Die Liste ist da“, teilte er Xiu mit.

„Ich schau es mir an, übe du solange weiter“, sprach Xiu, während er Yi Ye Zhi Qiu besiegte.

„Okay … Ich leite dir die Mail weiter.“

Xuan sah freudlos auf den ergrauten Bildschirm. Dann griff er nach dem Handy, um an diesem die Mail an Xiu zu schicken. Während er dies tat, griff Xiu herüber zu der Tastatur des PCs, den Xuan benutzte. Er manövrierte Yi Ye Zhi Qiu in eine andere Trainingsumgebung innerhalb der Arena und wählte einen Computer gesteuerten Kampfmagier als Gegner für Xuan.

„Du hast die Mail“, sprach Xuan. „Weißt du, wo du die Liste der benötigten Materialien für die Upgrades der Avatare findest?“

Xiu nickte, nahm die letzten Einstellungen vor, ehe er nach einem Headset griff und es Xuan reichte.

„Vielleicht helfen dir die Geräusche, um wieder besser zu werden“, kommentierte er.

Xuan beäugte Xiu skeptisch, nahm dann aber das Headset und setzte es auf.

Während der Ältere nun weiter mit Yi Ye Zhi Qiu kämpfte, öffnete Xiu an dem PC vor sich die E-Mail-Anwendung sowie das Dateiverzeichnis. Er rief die Mail auf, öffnete die Liste der seltenen Materialien Yanyu Lous, dann suchte er nach dem entsprechenden Verzeichnis mit den benötigten Materialien für Jia Shis Proficharaktere.

Yanyu Lou besaß tatsächlich nicht viel, das Jia Shi gebrauchen konnte. Jia Shis Entwicklungsabteilung für Silberequipment hatte hohe Ansprüche. Jedes Ausrüstungsteil brauchte wenigstens ein sehr seltenes Item, das eine geringe Droprate bei den Wilden Bossen im Spiel hatte. Für eine Gilde wie Yanyu Lou, die im Vergleich zu anderen Klubgilden selten Wilde Bosse erlegte, war die Wahrscheinlichkeit, ein solches Item zu erhalten, umso geringer. Vor allem waren die Materialien, die Yanyu selbst nicht gebrauchen konnte, umso weniger.

Dennoch fand Xiu in der Liste eine Hand voll kostbarer Materialien, dazu ein Dutzend weitere Items, die auf Jia Shis Liste mit hoher Priorität vermerkt waren. Daneben bot Yanyu Lou einige seltene Materialien an, die brauchbar, aber nicht unbedingt schwer für die Gilde Jia Wangchao zu beschaffen wären, da bestimmte Wilde Bosse diese so gut wie jedes Mal fallen ließen. Ein Vorrat aus diesen Materialien wäre dennoch ein Vorteil.

Letztendlich erstellte Xiu eine Liste mit 64 Items, bei denen er verschiedene Stückzahlen angab, so dass die Liste insgesamt 500 Materialien einforderte.

Er setzte eine Mail auf, erklärte, dass er von Zhu Bings angebotenen 300 Materialien auf 500 erhöhen musste, da Jia Shi ansonsten die drei Punkte unter Wert verkaufen würde. Weiter schlug er vor, das Gewinnen eines vierten Punktes für 100.000 Yuan zu verhandeln.

Xiu schickte die Mail an Xuan, griff direkt nach dessen Handy, um darüber die Mail in Xuans Namen an Bing zu senden.  

Sein Blick glitt dabei zu seinem Freund, welcher inzwischen ganz im Bann Glorys zu sein schien. Oder Yi Ye Zhi Qius. Xiu konnte es nicht sagen, doch es spielte auch keine Rolle. Wichtig war allein, dass Xuan sich endlich wieder wie ein Gamer verhielt. Da dem so war, erfreute der Anblick Xiu.

Xuans Handy klingelte wenig später. Das Display zeigte Zhu Bings Namen an. Xiu ging ran.

„500 Materialen und 100.000 Yuan? Sie fordern zu viel, Grünschnabel!“, tönte gleich die Stimme Yanyus Geschäftsführers.

„Dafür besteht am Ende eine Ein-Punkt-Differenz zwischen Yanyu und Huxiao, womit Yanyus Berechtigung für die Playoffs eindeutiger ist“, antwortete Xiu.

„Sie … sind nicht Tao Xuan“, stellte Bing fest.

„Richtig. Ich bin Jia Shis Mannschaftskapitän Ye Qiu.“

„Ye Qiu?!“, rief Bing überrascht.

„Genau. Boss Tao hat mir die Verantwortung in dieser Verhandlung übertragen. Also, was ist Ihnen lieber? Ein Punktegleichstand mit Huxiao oder ein eindeutiges Ergebnis?“, fragte Xiu erneut.

Es dauerte einen Augenblick, bis Bing antwortete: „Yanyu gewann beide reguläre Spiele gegen Huxiao, ein Gleichstand ist ausreichend. Unser Geschäft bleibt bei drei Punkten.“

„Sicher? Was, wenn die Allianz die Regeln ändert und entscheidet, dass es doch ein letztes, entscheidendes Spiel um den letzten Platz in den Playoffs geben soll?“

„Das hätte die Allianz früher bekannt geben müssen.“

„Was macht Sie so sicher? Ein zusätzliches Spiel könnte zusätzliche Einnahmen bedeuten. Nachdem immer mehr Leute in der Liga nach Geld streben, werden immer mehr Stimmen ein weiteres Spiel fordern. Insbesondere Huxiao und deren Fans.“

Bing antwortete nicht, also fuhr Xiu fort: „Wie viel zahlen Sie bereits Weicao dafür, dass Weicao Yanyu neun Punkte gewinnen lassen wird? Wollen Sie wirklich riskieren, dass all das verschwendet ist?“

Bing lachte.

„Selbst wenn die Allianz die Regelung spontan ändern sollte, Yanyu wird wieder gegen Huxiao gewinnen.“

„In einem fairen Kampf ist das Ergebnis bis zuletzt nicht klar. Sie sollten Ihre Gegner niemals unterschätzen. Oder sich selbst überschätzen. Wissen Sie, Ihre Art gefällt mir nicht. So herablassend wie Sie mit meinem Boss sprechen … Vielleicht sorge ich lieber dafür, dass Huxiao morgen mit acht Punkten gewinnt. Dann kommt Huxiao in die Playoffs und Sie haben umsonst mit Weicao verhandelt. Na, wie wäre das, Geschäftsführer Zhu?“

„Ich bitte dich. Jeder weiß, dass der große Ye Qiu das nicht zulassen würde!“, entgegnete Bing.

„Ach ja? Wieso fragen Sie Jia Shi dann kurz vor knapp, ob wir Ihnen den Gewinn von drei Punkten zuzusichern? In Wahrheit meldeten Sie sich doch bloß bei uns, weil sie insgeheim befürchten, dass wir eine ähnliche Abmachung mit Huxiao laufen haben wie Sie mit Weicao“, machte Xiu deutlich.

Erneut schwieg Bing.

„Die 500 Materialen und Yanyu Lou wird die nächsten zwei Monate jeden Wilden Boss, den die Gilde findet, Jia Wangchao melden und Jia Wangchao im Kampf um den Wilden Boss gegen andere Gilden helfen. Ist das für Sie ein besseres Angebot, Zhu Bing?“, fragte Xiu.

„Das ist ebenso Wucher“, sprach Bing schließlich.

„Dann eben die 500 Materialien und sechs Wochen. Mein letztes Angebot. Das oder gar nichts. Vergessen Sie nicht, was für einen Unterschied es für Yanyu macht, ob es Yanyu in die Playoffs schafft oder nicht.“

„Ich …“, begann Bing, als Xiu die zähe Äußerung unterbrach: „,… muss darüber nachdenken‘? Die Zeit haben Sie nicht. Fünf, vier, drei, …“

„500 Materialen, sechs Wochen Unterstützung im Kampf um Wilde Bosse für Jia Wangchao und dafür gewinnt Jia Shi morgen mindestens vier Punkte gegen Huxiao, richtig?“, fiel Bing Xiu ins Wort und wiederholte den Stand ihrer Verhandlung.

„Genau“, bestätigte Xiu.

Bing seufzte. „Na gut.“

„Ich gebe unserer Gildenabteilung Bescheid. Ihre Leute sollen die Materialien als Anzahlung bis morgen vor dem Spiel aushändigen. Sobald wir die haben, gewinnen wir vier Punkte, und dann erwarten wir Yanyu Lous Kooperation. Sollte sich Yanyu Lou widersetzen, werde ich persönlich das Spiel besuchen und ihre Leute massakrieren. Klar soweit?“, sprach Xiu gelassen.

Sein Gesprächspartner schien wieder nicht sofort zu wissen, was er sagen sollte.

„Also?“, hakte Xiu nach.

„Ja. Ja, ist gut“, seufzte Bing.

„Spitze! War schön, mit Ihnen Geschäfte zu machen! Guten Abend!“, verabschiedete Xiu sich und legte dann ohne Weiteres auf.

Als er das Handy beiseitelegte, bemerkte er, dass Xuan ihn anstarrte und das Headset von einem Ohr geschoben hatte.

„Letztendlich setzt du immer deinen Willen durch, nicht wahr?“, äußerte der Ältere ruhig und mit einem bitteren Lächeln.

Xiu grinste. „Ist zu Jia Shis Bestem.“

„Ja, natürlich …“, seufzte Xuan, dann sah er etwas freudiger zurück auf den Bildschirm. „Ich hätte zu gerne Zhu Bings Gesicht gesehen. Er muss kochen vor Wut, dass er sich so von dir ausbeuten lässt.“

„Wir beuten Yanyu gar nicht aus. Das Angebot war ziemlich fair“, entgegnete Xiu.

„Mag sein, aber er wird es anders sehen. Sein Plan sah vor, uns für einen Spottpreis für seine Seite zu gewinnen.“

„Es ist echt unglaublich, wie die Bosse anderer Teams auf unser Jia Shi herabsehen“, seufzte Xiu, während er auf seinem PC wieder in das Fenster, in dem Glory lief, wechselte, „dabei sind wir immer noch Vizemeister und haben drei von vier Meisterschaftstiteln gewonnen.“

Xuan warf dem Jüngeren einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Ernsthaft? Du wunderst dich darüber?“, fragte Xuan skeptisch.

Xiu erwiderte den Blick seines Freundes ratlos.

„Dir ist schon bewusst, dass deine unverträgliche Art der Grund dafür ist?“, fuhr Xuan fort.

Xius Blick bleib unverändert.

„Wieso denn meine Art? Ich regiere das Schlachtfeld und du sagtest doch selbst, die sehen wegen deinem niedrigen Studienabschluss auf dich herab und damit auch auf Jia Shi“, entgegnete er schließlich.

Der Ältere seufzte.

„Auch, ja. Es ist so: Du bist für sie wie ein wildes Tier. Könnte man dich zähmen, wärst du Gold wert, doch solange man dich nicht unter Kontrolle hat, bist du eine tickende Zeitbombe.  Dass ich dir so viel Freiraum lasse, betrachten sie als meinen Fehler, den sie dank ihrer besseren Bildung niemals machen würden. Oder zumindest wären sie sich dessen bewusst, dass es ein Fehler ist. Du hemmst das Wachstum des Unternehmens und tatsächlich rüsten die anderen Vereine viel besser auf als wir. Sie sehen bei ihnen noch Spielraum nach oben, bei uns nicht, solange man dich sein lässt wie du bist. Deswegen ist Jia Shi in ihren Augen langfristig kein ernstzunehmender Gegner. Für diese Situation sind wir beide verantwortlich, aber nachdem ich davon ausgehe, dass du auch als Spieler einer anderen Mannschaft unter einem anderen Vorgesetzten nicht kooperativer wärst und es dort genauso laufen würde, ist es nicht meine Schuld, sondern Deine.“

Xiu lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, starrte auf den Bildschirm und ehe, er etwas sagte, begann er, die Einstellungen der Software zu ändern, so dass er gleich wieder Yi Ye Zhi Qiu gegenüberstand.

„Haben sie dir das so gesagt?“, sprach er schließlich.

„Mit anderen Worten gewissermaßen. Sie sagten nicht, dass sie glauben, dich nicht unter Kontrolle zu bekommen, aber dass man dich entweder kontrollieren oder entlassen müsse“, seufzte Xuan.

Xiu lachte auf.

„Den besten Spieler entlassen! Was für ein Witz! Sind die blöd? Wie soll das hilfreich sein?“, sprach Xiu kopfschüttelnd, obschon er wusste, dass hinsichtlich einer reinen Gewinnoptimierung Sinn ergab.

Xuan lachte bitter.

„Ja“, seufzte er, „es wirkt paradox. Dennoch haben manche von ihnen eine erfolgreiche Berufsgeschichte hinter sich und laut mehreren Analysen und Prognosen bist du es, der einer Expansion der Allianz am meisten im Wege steht.“

Im nächsten Augenblick lag Yi Ye Zhi Qiu tot auf dem virtuellen Kampffeld. Xuan war überrascht und seine Aufmerksamkeit kehrte schließlich wieder zum Spiel zurück. Der Kampf war so schnell vorbei, Xuan war gar nicht zum Zug gekommen.

„Es spielt keine Rolle, was sie denken, Xuan. Wir machen ihre Mannschaften fertig. Ihr finanzieller Gewinn wird ihnen dann auch nichts mehr nützen. Was wirklich zählt, sind Stärke, Kampfgeist und Teammitglieder, die sich gut ergänzen. Vergiss das nicht“, sprach der Jüngere ernst.

Xuan lächelte dezent.

„Wie kommst du nur darauf, ich könnte das vergessen? Immerhin bin ich es doch, der sich gegen diese Meinung stellt und dich sein lässt wie du bist. Das solltest du mal besser nicht vergessen“, gab Xuan genauso ernst zurück.

Xiu lächelte. Zu einem gewissen Grad erleichterten ihn die Worte. Es schien, Xuan eignete sich nicht kopflos fremde Lehren an. Das war gut.

„Sollen wir nicht eigentlich mal was essen gehen?“, fragte Xuan, als Xiu nichts weiter dazu sagte.

Xiu blickte auf die Uhr. Inzwischen war es 19:46 Uhr.

„Ich bestell uns Pizzen“, entschied das Geburtstagskind und öffnete gleich die Website eines Lieferservices am Computer.

„Du willst nicht richtig essen gehen?“

Xiu verneinte mit einer Kopfbewegung. „Bis der Tag vorbei ist, werde ich nicht zulassen, dass du dich vom PC wegbewegst.“

Der Ältere lachte. „Allmählich frage ich mich, ob nicht eher ich heute Geburtstag habe!“

Ein Schmunzeln erschien auf Xius Lippen. Er hatte seinen Geburtstag nutzen wollen, um endlich wieder mit Xuan das zu machen, was er selbst am liebsten tat, damit der Ältere sich nicht zu weit von Glory entfernte. Es war Xiu wichtig, dass Xuan der Mann blieb, den er liebte, ein Mann, dem es auch in der Liga um den Sieg in Glory, nicht um die Gewinnoptimierung ging. Der Einfluss all der anderen Geschäftsmänner in der Glory-Szene sollte Xuan nicht korrumpieren.

War dies etwas, das er für Xuan oder für sich selbst tat?

Er hatte an sie beide gedacht, jedoch nicht gewusst, wie Xuan inzwischen zu den ganzen Dingen stand, da sie zu wenig Zeit hatten, um darüber zu reden. Dass die Zeit des virtuellen Kampfes für Xuan wie ein Geschenk war, das war ein weiteres, gutes Zeichen. Xuan war immer noch der Alte.

Womöglich hatte sein Freund auch einfach Recht. Aktuell würden sie wenig Zeit haben, doch wenn das Studium abgeschlossen sein würde, dann würde alles wieder wie früher werden, mit dem einzigen Unterschied, dass Jia Shis Gegnern ein Grund genommen sein würde, auf Jia Shis Eigentümer und das Unternehmen insgesamt herabzusehen. Darauf musste Xiu einfach vertrauen. Und womöglich würde es ihnen sogar wirklich helfen, eine Strategie zu finden, Jia Shi weiter zu verbessern, ohne dass Xiu sich anpassen musste. Gemeinsam könnten sie zeigen, dass es noch andere Wege gab als jene, die die anderen Geschäftsmänner sahen.

Der Gedankengang erfreute Xiu. Er wollte es ihnen allen zeigen, gemeinsam mit Xuan. Und dank Xuans Worte wusste er, dass sein Freund es genauso sah.

„Für mich gibt es kein wertvolleres Geschenk als Zeit mit dir und Glory zu verbringen“, sprach Xiu glücklich.

Der Angesprochene beugte sich zu Xiu herüber, lächelte glücklich.

„Ich liebe dich“, äußerte Xuan.

„Ich liebe dich auch“, entgegnete der Jüngere.

Erneut küssten sich die beiden, vergaßen mehr und mehr die Probleme, die der jeweils andere ihnen in ihrem Berufsleben bereitete. Xiu hatte seine sich selbst gestellte Quest erfolgreich abgeschlossen und zur Belohnung endete sein Geburtstag genauso, wie er es sich erträumt hatte.

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