Gerhard Henschel verrät im Interview warum er die neue Rechtschreibung boykottiert

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4. Dezember 2019 um 17:40 Uhr

Interview Gerhard Henschel
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„Ich vermisse Hotels mit Raucherzimmern“

Der erfolgreiche Schriftsteller Gerhard Henschel liest in der Tufa Trier aus seinem autobiographischen Werk. Foto: TV/Jochen Quast

Trier Der erfolgreiche Romanautor liest am 13. Dezember in Trier. Er erinnert sich an das Leben vor dem Internet, an Colaflaschen aus Glas und an das Briefeschreiben.

Es ist die Zeit der gelben Telefonzellen, im Fernsehen laufen nur zwei Programme, und man schreibt den Freunden Briefe. Drei Jahrzehnte bundesdeutscher Geschichte hat der Autor Gerhard Henschel bereits in acht Romanen aus subjektiver Perspektive erzählt. Aus dieser Lebenschronik seines Alter Egos Martin Schlosser liest er am 13. Dezember in Trier. Im Interview mit dem TV erzählt der Autor vorab, warum er noch so viele Details aus dem Jahr 1990 weiß und wie er die neue Rechtschreibung boykottiert.

Herr Henschel, inwieweit überschneiden sich Martin Schlosser, der Ich-Erzähler, und Sie selbst?

GERHARD HENSCHEL Die Romane sind autobiographisch. Das heißt, ich halte mich, so gut es geht, an die Wahrheit und habe nur die Namen geändert. Zuspitzungen bleiben natürlich nicht aus, weil ich verknappen muss, um so viel vergangene Zeit abzubilden.

Ist es seltsam für Sie und Ihre Verwandtschaft, dass Sie Ihre Familienmitglieder zu Romanfiguren gemacht haben?

HENSCHEL Bei meinen Lesungen sitzen oft Familienmitglieder, die auch Romanfiguren sind, im Publikum. Aus den Büchern erfahren sie vielleicht manchmal Dinge über mich, die sie vorher nicht wussten. Aber ich haue in meinen Romanen ja niemanden in die Pfanne. Die Person, die regelmäßig am schlechtesten wegkommt, ist die Hauptperson selbst. Meine Familie hat mir auch immer zugearbeitet. Am Anfang hat ja der Briefroman „Die Liebenden“ gestanden, den ich aus Briefen aus dem Nachlass unserer Eltern zusammengestellt habe. Bis auf ganz wenige Wörter, die ich wegen Wiederholungen ausgetauscht habe, sind das alles Originalbriefe, die ich nur etwas gekürzt habe. Damals haben Onkel, Tanten, Vettern und Cousinen für mich nachgesehen, was an Briefen noch in alten Schuhkartons oder auf dem Speicher vorhanden gewesen ist.

Sie schreiben im „Erfolgsroman“ von Aschenbechern im Zugabteil, Fernsehansagerinnen und vielseitigen Briefen unter Freunden. Was vermissen Sie aus der Zeit um 1990 am meisten?

HENSCHEL Ich vermisse zum Beispiel die schönen alten gelben Telefonzellen und Hotels mit Raucherzimmern. Und es war schön, in Poststempeln die Städtenamen lesen zu können – heute steht da ja nur noch „Briefzentrum“. Außerdem vermisse ich die klassische Rechtschreibung. Die neue halte ich für großen Quatsch. Die Martin-Schlosser-Romane erscheinen aber zum Glück in der alten Rechtschreibung beziehungsweise sogar in einer Art Privatrechtschreibung von Martin Schlosser. Es wäre ja auch unsinnig, diese Texte einer Rechtschreibung anzupassen, die dem Volk erst viel später verordnet worden ist.

Neben der alten Schreibweise fallen auch viele Kunstwörter ins Auge, oder Wörter, die eine jüngere Generation nicht mehr verwenden würde (Kladde, „petten müssen“, „es ingemeyselte“, etc.). Woher kommen diese Wörter?

HENSCHEL Die Sprache ist zum Teil regional bedingt und zum anderen Familienjargon, und manche Wörter habe ich mir auch selbst ausgedacht. Man findet aber auch vieles wieder in anderen Familien. Viele Leute erzählen mir zum Beispiel, dass bei ihnen am Mittagstisch genau die gleichen Sprüche geklopft wurden. Aber das unterscheidet sich natürlich regional ganz stark.

Ist Ihr Roman also vor allem etwas für Menschen aus Norddeutschland und Ihrer Generation? Und was kann Ihr Buch „Erfolgsroman“ einem Menschen, der heute 28 Jahre alt ist und in Trier lebt, sagen?

HENSCHEL Ich denke nicht in Zielgruppen. Ich selbst bin Norddeutscher, auch wenn ich in Koblenz groß geworden bin. Ich lese ja auch außerhalb von Norddeutschland meine Bücher vor, und auch dort erzählen mir Leute, dass sie ähnliche Sitten und Gebräuche kennen. Immer wieder habe ich gehört, ich hätte mit dem „Kindheitsroman“ gar nicht meine eigene Kindheit geschildert, sondern die eines meiner Leser. Man ist eben nicht so originell, wie man sich das vielleicht einbildet.
Es ist unvermeidlich, dass jüngere Leser viele Sportler oder Politiker von damals nicht mehr kennen, aber darauf kann ich natürlich keine Rücksicht nehmen. Martin Schlosser erzählt einfach von dem, was ihm wichtig erscheint. Und es ist ja auch nicht schwer, den einen oder anderen Namen einmal zu googeln.

Was hat sich denn am stärksten verändert?

HENSCHEL Martin Schlosser wird groß in einer Zeit, als es noch kein Internet gab und nur zweieinhalb Fernsehprogramme. Vieles hat sich radikal verändert, aber es bleibt auch wahr, wie es in dem alten Song aus „Casablanca“ heißt: „It’s still the same old story, a fight for love and glory“. Früher bekam man nur einmal am Tag Post. Heute kann man Tag und Nacht Post bekommen, das finde ich wunderbar, und ich bin auch dankbar, dass mir das Internet die Recherchen erleichtert.

Woher wissen Sie noch so viele Details von vor 30 Jahren? Haben Sie damals Tagebuch geführt?

HENSCHEL Ich habe nur sporadisch Tagebuch geführt, aber viele Briefe geschrieben und davon zum Teil auch Kopien gemacht. Manche alten Briefe, von denen ich keine Kopien hatte, habe ich mir wiederbeschafft bei Freundinnen und Freunden. Man kann auch Fotoalben mit der Lupe untersuchen, und ein gutes Gedächtnis ist ebenfalls hilfreich.

Wie lang waren denn Ihre Briefe damals?

HENSCHEL Die handschriftlichen Briefe hatten in den Siebzigern schon mal zehn oder zwölf Seiten. Einen sehr ausführlichen Briefwechsel habe ich mit einem alten Schulfreund aus Vallendar bei Koblenz geführt. In einer Rezension stand dann, es sei sehr unglaubwürdig, dass vierzehnjährige Jungs einander damals so lange Briefe geschrieben hätten. Und dabei hatte ich die Originalbriefe stark gekürzt!

Ich gehe davon aus, Sie schreiben auch heute noch Briefe?

HENSCHEL Mitunter, ja. Ich schreibe aber auch viele Mails und drucke mir die dann aus. Ich gehöre nicht zu den Kulturpessimisten, die behaupten, dass früher alles besser gewesen sei. Ich bin kein Nostalgiker. Ich lebe sehr gern in der Gegenwart.

Sie haben in einem Interview mal erzählt, wer Sie dazu inspiriert hat, im Stil dieser kurzen Abschnitte – teilweise nur sechs Zeilen lang – Situationen zu erzählen, auch Montage- oder Fototechnik genannt. Arno Schmidt und Walter Kempowskis unter ihnen. Können Sie nochmal kurz sagen, warum Sie sich für den Stil entschieden haben bzw. was Sie gut daran finden?

HENSCHEL Als ich 1996 zum ungefähr sechsten Male Walter Kempowskis Roman „Tadelloeser & Wolf“ las, dachte ich: Warum gibt es so etwas Ähnliches eigentlich nicht auch für meine Generation? Und das hat mich auf die Idee gebracht, es selbst zu versuchen.

Das heißt, damals haben Sie als 28-Jähriger diesen Roman aus einer Zeit gelesen, der nicht Ihre Zeit war. Was hat Sie denn daran so fasziniert?

HENSCHEL Kempowski erzählt nicht im behäbigen Gestus der großen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts oder im Stil von Thomas Mann. Es sind einzelne Erinnerungsaufnahmen oder Schnappschüsse. Das kommt der Art und Weise, auf die man sich erinnert, viel näher, und im besten Fall ergibt sich aus den Erinnerungssplittern in einem Roman ein Mosaik, in dem andere sich wiedererkennen.

Martin Schlosser gefällt in Ihrem Buch die dicke neue Cola-Plastikflasche nicht. Sie schreiben: „Das war keine gute Nachricht für den blauen Planeten.“ Haben Sie persönlich das damals wirklich gedacht?

HENSCHEL Ich habe das damals durchaus so gedacht. Beim Schreiben stoße ich immer wieder auf Dinge, die bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. Sei es die Debatte über das Asylrecht oder der Streit um den Stuttgarter Sackbahnhof.

Freuen Sie sich auf Trier? Und was haben Sie hier außer Ihrer Lesung alles vor?

HENSCHEL Der Veranstalter hat ein kleines Ausflugsprogramm inklusive Weinprobe für mich organisiert. Das finde ich sehr nett. Und in der Tuchfabrik werde ich auch eine Romanpassage vorlesen, aus der hervorgeht, wie Martin Schlosser 1977 seine Klassenfahrt nach Hermeskeil und Trier gefallen hat.

Gerhard Henschel liest am Freitag, 13. Dezember, ab 20 Uhr in der Tufa in Trier aus seinem Romanwerk. Der Eintritt kostet 11, ermäßigt 8 Euro. Die Reihe #literaturintrier ist eine Kooperation von éditions trèves und der Tufa Trier. Karten für die Lesung gibt es bei Ticket regional, Telefon 0651/7199-996.

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