Die DNA von Oasis ,(What’s The Story) Morning Glory?’

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In unserer neuen Serie DNA erforschen wir Alben, die zu Meilensteinen geworden sind. Heute: (What’s The Story) Morning Glory? von Oasis.

Meine Beziehung zu (What’s The Story) Morning Glory? war lange Zeit ein wenig kompliziert. Der 15jährige Oasis-Fan, der immer noch irgendwo in mir steckt, versucht aus Distinktionsgründen immer noch Definitely Maybe besser zu finden, weil sonst alle (What’s The Story) Morning Glory? hören. Tatsächlich lief das Oasis-Debüt auf dem Plattenspieler, den mir mein Bruder bei seinem Auszug hinterlassen hat, deutlich öfter als ihr Zweitwerk. Ich wollte immer in dem gelben Zimmer wohnen, das auf dem Cover war, habe am Lagerfeuer mit der Gitarre „Live Forever” gegrölt und zu „Married with Children” versucht Mädchen mit meiner „erwachsenen Art” zu beeindrucken.

Aber mein 15jähriges Ich liegt falsch. What’s The Story? (Morning Glory), welches dieser Tage als remasterte Version erscheint, ist die Essenz des Britpops, der Beweis dafür, warum Menschen diese Episode der Popularmusik noch knapp 20 Jahre später vergöttern. Ein paar Gedanken zu einem Album, das mich jetzt schon eine ganze Weile begleitet.

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DAS UMFELD

Es ist viel Kluges geschrieben worden über „Cool Britannia”, die Phase im UK der 90er, die paradoxerweise gleichzeitig Aufbruch und Rückbesinnung gleichzeitig war. Musik war ein elementarer Teil dieser Phase. Manche werden jetzt einwenden, dass Musik immer ein Ausdruck ihrer Zeit, ihrer kulturellen und technischen Möglichkeiten ist. Das stimmt auch. Aber es ist ein Mythos, dass das für jede Musikrichtung immer in gleicher Stärke gelten würde.

Im Nachhinein kann man Cool Britannia wahrscheinlich als einen seltenen, magischen Moment des Konsens sehen. Andy Pemberton vom Q Magazine hat das mal schön ausgdrückt: „In 1995 and 1996 we had this incredible moment when we all agreed about everything. Most people voted Labour. Everybody liked Oasis. There was Britpop, and Brit Art, and Chris Evans. So it was an incredible time—a sort of spasm of excitement.” In solchen gemeinsamen Momenten ist das Scheitern immer schon angelegt, aber wahrscheinlich symbolisiert diesen nationalen Pop-Taumel nichts so gut wie Noels Union Jack-Gitarre.

Man kann das Umfeld aber nicht beschreiben, ohne die (Pop)musikpresse zu erwähnen. Die 90er waren nämlich nicht nur goldene Jahre für die Musikindustrie, sondern auch für die Musikpresse. Zumindest relativ gesehen: Der NME war natürlich weit entfernt von den 250.000-300.000 verkauften Exemplaren der 60er/70er. Aber das Magazin verkaufte noch immer 100.000 Exemplare. Pro Woche. Neben großen Pulikationen wie Melody Maker und Q. Ja, Österreich, Deutschland und Schweiz: Man kann manchmal wirklich weinen, wenn man sieht, welche Stellung Popmusik jenseits des Ärmelkanals einmal hatte.

DER POP

Die Presse spielte eine zentrale Rolle darin, das Duell Oasis vs Blur zu einem relevanten Pop-Konflikt aufzublasen. Es war ja auch schon fast zu gut: Auf der einen Seite Blur, die Londoner mit der Ausstrahlung eines Elite-Internats, auf der anderen die rotzigen Unterschichts-Vertreter aus Manchester. Da waren alle Cleavages drin, die Großbritannien bis heute prägen: Ein Kampf der Klassen, der Regionen, Musikstile, Norden gegen Süden. Der Wettbewerb zwischen den am selben Tag veröffentlichten Singles „Country House” und „Roll With It”–„The Battle Of Britpop”—ist legendär, auch weil er letztlich eine Underdog-Story erzählt: Oasis verloren öffentlichkeitswirksam, nur um zwei Monate später das Album rauszubringen, das die Sternstunde des Britpops werden sollte. Was dabei gerne ein bisschen untergeht: The Great Escape von Blur hat in UK ebenfalls Tripple-Platin erreicht, Damon Albarn braucht einem also nicht wirklich leid tun.

Oasis haben Blur für die Schlagzeilen eigentlich eh nie gebraucht. Der Bruderkampf und die ständigen Auszucker füllten die britischen Boulevardmedien von alleine. Liam hat bei mehreren Fluglinien lebenslanges Flugverbot, es gab immer wieder körperliche Auseinandersetzungen innerhalb der Band, und sein Auftritt bei den MTV Music Awards und mehrere Absagen von US-Touren kosteten die Band letztlich wohl den amerikanischen Markt. Aber hey: Scheiße, die Band hatte Pop verstanden. Ob gewollt oder ungewollt.

DIE MUSIK

Die grundsätzliche Idee von Oasis hat sich bis heute nicht geändert: Eine Melange aus Rock, Glam, Psychodelic der 70er und 80er, gemischt mit viel Madchester der frühen 90er (der sich natürlich wiederum auch schon wieder auf die vorherigen Jahrzehnte bezog. Dafür gibt es übrigens einen Ausdruck: Nostalgic Layering). Über diese grundsätzlich relativ unspektakuläre Musik legte Noel wunderschöne Nonsens-Texte, in deren einzelnen Zeilen immer ganz viel (Lebens)gefühl steckte—ein lyrisches Rezept, das im deutschen Sprachraum von Tomte perfektioniert wurde. Es war eine Zeit, in der sich jeder mit Zeilen wie „Some might say that sunshine follows thunder/Go and tell it to the man who cannot shine” identifizieren konnte, gerade weil sie wunderbare Projektionsflächen waren und von Liam mit einer radikalen Rotzigkeit dahergebracht wurden.

Die Rohheit, die Definitely Maybe ausgezeichnet hatte, war auf dem Album schon deutlich weniger geworden. Der Titeltrack „Morning Glory” ist ein solides Stück Rock’n’Roll, hätte aber auch gegen „Rockin Chair” oder andere Rock-Stücke von der B-Seiten-Sammlung The Masterplan ausgetauscht werden können, ohne die Qualität des Albums zu beinträchtigen. Nein, der Zweitling ist in seinen besten Momenten ganz einfach großer (Wembley-)Stadionpop. „Don’t Look Back in Anger” ist nicht zufällig auch heute noch ein Song, bei denen sich Fremde in den Indie Clubs der Welt in den Armen liegen.

DAS BUSINESS

Bereits Definitely Maybe schoss in UK auf die Eins. Das war aber nichts, verglichen mit dem, was kommen sollte: (What’s The Story) Morning Glory? wurde weltweit bisher unglaubliche 22 Millionen mal verkauft, stieg in den USA auf die Vier, hielt sich 7 Monate in den UK Charts. Oasis waren für einen kurzen Zeitpunkt die größte Band der Welt, zumindest von Großbritannien aus gesehen: 1996 spielten sie an zwei Abenden hintereinander auf einem Feld bei Knebworth; 2,6 Millionen Menschen meldeten sich für eines der knapp 300.000 Tickets an.

Die Gallaghers kauften mit dem Geld riesige Autos, protzige Villen und schöne Frauen. Das Album war übrigens nicht das bestverkaufteste Album der Insel im Jahr 1995, es musste sich gegenüber Robson&Gerome geschlagen geben. Kurzfristig zumindest. Bemerkenswert: „Wonderwall”, die meistverkaufteste Single der Band und der meist gespielte meist gehassteste Akustikgitarren-Song der Welt, stand im Heimatland der Band nie an der Spitze der Charts.

DAS VERMÄCHTNIS

(What’s The Story) Morning Glory? ist der Höhepunkt und die Vollendung des Britpops, einer Musik und einer Zeit. Und auch einer Band. Oasis haben es danach nie wieder geschafft wirklich fantastisch zu sein. Dasselbe gilt für Britpop, der zwar noch einiges Gutes und Nettes hervorbringen solte, aber seinen Peak überschritten hatte. Irgendwann ist die Party zu Ende, das Licht geht an, und man merkt, dass man mit dem Dude, mit dem man sich den ganzen Abend unterhalten hat doch gar nicht überall gleicher Meinung ist.

Die Platte ist eines der großen Alben der 90er und wird es immer bleiben. Definitely Maybe, (What’s The Story) Morning Glory? und die B-Seiten, von denen viele später auf The Masterplan veröffentlicht wurden, gehören zu einer großen Band, die vier Jahre einen fast bewegenen Schaffenszyklus hatte. Ihre Musik war großartig. Aber sie war vor allem on point.

Jonas steht für Kritik auf Twitter bereit: @L4ndvogt

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